OK Kuba

Das Klischee

Für die meisten von uns, wenn wir noch nie auf der Karibikinsel waren, ist Kuba Traumstrand. Ist Sonne, blauer Meer, Palmen. Manche verbinden mit der Insel noch weitere Attribute: Rum, der nirgendwo besser ist als aus Kubas Brennereien. Zigarren, gedreht von rassigen Senoritas auf den nackten Schenkeln. Leidenschaftliche Musik, Tanz.
Einige wenige denken noch an Revolution. Die Revolutionäre: Helden für die einen, blutrünstige Terroristen für die anderen. Beides assoziiert mit einem Namen. Castro, genauer gesagt Fidel Castro.

Überhaupt. Der jüngst verstorbene, legendäre Máximo Lider.
Für die einen: Ausgeburt des Bösen, perfider Unterdrücker, Chef-Schurke, Erzfeind aller aufrechten Kapitalisten und insbesondere der ultrarechten Exil-Kubaner in den USA.
Comandante en jefe für die anderen, Befreier, der das Land vom Bordell der USA zu einem selbstbewussten und souveränen Staat transformierte, Hoffnung aller Unterdrückten, trotziger David im Angesicht eines übermächtigen Goliaths. Fokus des Anbetung der Linken weltweit und Projektionsfläche all jener, welche sich, vorzugsweise beim gepflegten Roten, gerne für einen Linken halten. Einer, der es geschafft hat, den geplagten Inselbewohnern Würde, Gleichheit und Sicherheit in materieller und persönlicher Hinsicht zu verschaffen.

Und erst die Musik Kubas. Wiege des Rumba. Ursprung des Bolero. Geburtsort des Mambo. Erfinder des Chachacha. Verbürgte Elternschaft am Salsa. Und über allem, der Son, die alte Musik, die, wie keine andere, den Tango ausgenommen, das Leid und die Freude, die Verzweiflung und Hoffnung in vier Minuten Lied zubereitet und serviert. La vida, das Leben.

Denkmal am Grab von Che Guevara Denkmal am Grab von Che Guevara

Die Realität

Die Realität des Landes ist wie immer nicht eindeutig.

Natürlich gibt es all die Traumstrände, mit Palmen, Rum, Salsa und Zigarren. Wer die touristischen Comfort-Zone der Ressorts nicht verlässt, findet seine Klischees und Vorurteile größtenteils bestätigt. Gut, wer bei der Buchung nicht ein international geführtes Hotel bucht, mag vielleicht die Erfahrung massiv verminderten Aufenthaltskomforts erleben (in jeglicher denkbaren Stufe), aber das kann anderswo auch passieren.

Sobald der Kontakt zu Land und Leuten jedoch enger wird, fallen einige Unstimmigkeiten im Bild der Insel auf:

  • Teile der Städte, insbesondere Havanna Centro, sind beispiellos verrottet bzw. verfallen.
  • In den Geschäften für die Einheimischen herrscht die Mangelwirtschaft vor. Es gab Märkte, in denen es außer Bier und Rum kaum Waren gab, lediglich einige Grundnahrungsmittel wie Reis und Bohnen waren noch reichlich in den Regalen. Für Devisengeschäfte gilt dies weniger.
  • Die Infrastruktur befindet sich in einem Zustand des stetigen Verfalls oder ist so gut wie nicht vorhanden (Internet).
  • Trotzdem die Insel ausgiebig landwirtschaftlich bewirtschaftet ist, scheint ein Mangel an frischem Gemüse zu herrschen. Anders ist es nicht zu erklären, dass selbst in privat bewirtschafteten Restaurants häufig konserviertes oder eingelegtes Gemüse serviert wird.
    Schweine- und Hühnerfleisch gibt es hingegen (gegen Devisen) in jedem Restaurant. Auch Fisch ist häufig verfügbar, allerdings unspezifiziert, d. h., ohne Bezeichnung der Sorte. Auf der Speisekarte steht lediglich die Bezeichnung Fisch.
  • Fremdenführer und Eigentürmer von Herbergen berichten übereinstimmend, dass das Leben ohne Kontakt zu Touristen (d. h. zu Devisen) schwierig ist. Ein Kellner verdient das Vielfache eines Arztes oder eines Universitätsprofessors oder Beamten. Wobei der Staat an den Einnahmen privater Restaurantbesitzer oder Herbergen ordentlich mit verdient.

 

Verfallenes Haus in Havanna Centro Verfallenes Gebäude in Havanna Centro. Es gibt hier viele Bauwerke, in denen Wände fehlen, Fenster oder die Treppenhäuser schwarz vor Schimmel sind. Solange das Gebäude noch ein Dach oder eine Decke hat, leben darin dennoch Leute.

Ein paar Fakten

In Klammern zum Vergleich die Zahlen der USA, beides 2016:

  • Müttersterblichkeit bei der Geburt: 39/100.00 (14/100.000)
  • Kindersterblichkeit bei der Geburt: 4,5/1.000 (5,8/1.000)
  • Lebenserwartung: 78,7 Jahre (79,8 Jahre)
  • Analphabetismus (über 15 Jahre): 0,2%  (22%, jedoch aus unterschiedlicher Quelle)
  • BIP pro Einwohner: $ 11.900 ($ 57.300)
  • Staatsverschuldung: 32,7% (73,8%)
  • Krankenversorgung: kostenlos für alle (nicht kostenlos)
  • Schulen und Studium: kostenlos für alle (nicht kostenlos für alle)

Ein paar Anmerkungen

  • Kuba war bereits unter dem Diktator Batista ein Land mit vergleichbar guter Bildung und Krankenversorgung. Unter Castro hat sich die Situation verschlechtert, hervorgerufen durch fehlendes Geld.
  • Die Zahlen sehen oft besser aus, als sie sind. So ist zwar medizinische Untersuchung und Behandlung kostenlos oder sogar verpflichtend, mangels Devisen ist das Gesundheitssystem jedoch in schlechtem Zustand.
  • Menschen, die als Kellner, Taxifahrer, Fremdenführer, Animateur usw. arbeiten, haben viel mehr Geld zur Verfügung als z. Bsp. Ärzte oder Universitätslehrer, da sie Zugang zu Devisen haben (Touristen zahlen generell in Devisen). Mit monatlichem Einkommen von ca. $ 300  verdienen sie das 10-fache eines Akademikers ohne Zugang zu Devisen.
  • Obwohl viele Leute sehr arm sind, ist es mit dem wenigen Geld möglich, nicht zu hungern und nicht obdachlos zu sein. Zu viel mehr als Essen und Trinken und Wohnen reicht das Geld dann dennoch nicht.
  • Die Installation des Sozialismus mag dem Land zwar geschadet haben, der Bevölkerung war die nationale Freiheit jedoch scheinbar wichtiger. Der Hauptgrund der Armut in Kuba ist jedoch der Handelboykott der USA. Dieser Boykott verhindert erfolgreich, dass andere Länder der Welt mit Kuba Handel treiben können.
  • Das sozialistische Regime investiert große Summen in den Ausbau der ländlichen Regionen. Dies hat zur Folge, dass z. Bsp. für den Erhalt des Stadtzentrums von Havanna kein Geld vorhanden ist.
    Dies hat zur Folge, dass es in Kuba so gut wie keine Landflucht gibt.
  • Kuba ist im Vergleich zu anderen karibischen Staaten sehr sicher, die Leute sind sehr hilfsbereit. Dennoch sollte man sich an die üblichen Sicherheitsempfehlungen halten.
Denkmal des gepanzerten Zuges Denkmal des gepanzerten Zuges (Monumento al Tren Blindado) in Santa Clara

Fazit

Viele reisen nach Kuba, um dort zu erleben, dass die Lebenswirklichkeit nicht zum Klischee passt.

Viele Touristen vor Ort jammern und nörgeln, dass es eine Freude ist.
Die geldgierigen Fremdenführer, die sich mit besonderer Vorliebe an Touristengruppen bereichern (als Individualreisender steht man weniger im Fokus der Bemühungen). Das schlichte Essen (...und am Fisch waren gar keine Kräuter...), die effizient agierenden Bettler und Schlepper (in Reisführern gerne und völlig überzogen als Jinteros bezeichnet), die vielen Armen, die Strom und/oder Wasserausfälle, die Herbergen in Havanna in schimmeligen Gebäuden in verfallenden Gegenden, die schwer zumutbaren staatlichen Hotels (Tipp: International geführte Hotels sind besser), das fehlende Internet, die hohen Preise für wenig Leistung, die wenig spektakulären Städte...

Der Reiz von Kuba besteht nicht in touristischen Dienstleistungen und bemerkenswerter Natur. Es ist etwas anderes:
Kuba ist eine Zeitkapsel, eine Blase, gefüllt mit Vergangenheit, welche jedoch an den Rändern beginnt, aufzufasern, undicht zu werden, mit einer zunehmenden Anzahl von Mini-Löchern, durch welche langsam aber stetig die Gegenwart einsickert, das Bild verwischt, wie Tropfen auf einer Autoscheibe im Fahrtwind.

Geschichte. Das ist der Reiz der Insel. Kuba ist eine DDR, eine DDR in der Karibik. Mangel, der Geruch nach billigen Brennstoff (in der DDR Braunkohle, in Kuba  die braunen, schwarzen, grauen Wolken aus den Auspuffen), verwahrloste Gebäude, Geschäfte mit nur wenigen Waren, dafür reichlich Bier, für Leute ohne Devisen. Komische Autos, lustlose Angestellte an so manchen Stellen, findiges Improvisationstalent überall.

Aber: Die Insel ist eine DDR++. Sonne statt grauer Himmel. Wind, der die Abgase rasch aus den Städten weht. Havanna Club Vieja statt Weinbrand-Verschnitt. Cohiba statt Club Zigaretten. Mango statt Kartoffel. Chevrolet-Cabrio statt Trabi. Karibik statt Saale. Und freundliche Leute (sorry Sachsen, ist so. Nehmt euch ein Beispiel).

Dies macht Kuba zu etwas besonderem. Eine kleine Zeitreise. Nicht in bessere (wahrhaftig nicht), sondern in andere Zeiten. Authentisch heiß das Zauberwort. Ein authentisches Sozialismusmuseum.

Wer hierauf nicht vorbereitet ist, bitte die Insel meiden. Das ist ernst gemeint. Lieber, je nach Vorlieben, nach Malle fliegen oder Antalja. Oder stattdessen nach Mexiko. Für eine Woche Kube kann man in Mexiko drei Wochen verbringen. Mit besserem Essen, besseren Ressorts, schöneren Städten (aber schlechteren Cocktails).

Alle anderen: Es wird eine unvergessliche Zeit werden. Aber es ist auch nicht notwendig, wiederzukommen. Doppelschwör.

Oldtimer Oldtimer