02.06.2018

Fotosafari in der Wilhelma Stuttgart

> Fotoalbum - Fotosafari Wilhelma Stuttgart

Wenn der Hobby-Fotograf Lust auf Frust hat, kann er zwei Dinge tun: Er kann auf eine Sport- oder Tanzveranstaltung gehen, oder er geht in den Zoo oder auf Safari, um ein paar Tiere vor die Linse zu bekommen. In beiden Fällen ist die Chance groß, nach dem Event beim Durchsehen der Bildern haufenweise Futter für den Papierkorb auf der Festplatte zu haben.
Mit der Ausnahme von Schnecken, Muscheln oder Faultieren sind Tiere schnell, bewegen sich oft unvorhersehbar und verweigern sich gerne hartnäckig, dekorative Posen vor der gezückten Kamera einzunehmen.
Kaum die Kamera vom Auge, stolziert das anvisierte Tier ohne Scheu vor dem Fotografen hin und her. Oder nimmt endlich die erwartete Pose ein, und zwar genau so lange, wie man überlegt, die Kamera doch wieder zu zücken.

Um hier etwas Waffengleichheit herzustellen, begebe ich mich auf eine Fotosafari in der Stuttgarter Wilhema, um mir ein systematisches Arsenal an Gegenmaßnahmen gegen widerspenstige Fauna anzueignen.

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Mit einer 8-köpfigen Gruppen machen wir uns also an einem sonnigen Samstag Morgen auf, begleitet von einer auskunftswilligen Trainerin, die uns in die Geheimnisse der Tierfotografie einweihen wird.

Die Gruppe weist einen stark differierenden Kenntnisstand auf. Das ist aber nicht schlimm, denn nach 5 Minuten Theorie geben alle vor, die arkanen Zusammenhänge von Sensor, Lichtstärke und -Empfindlichkeit, Brennweite, Blende und Belichtungszeit verstanden haben. Ich glaube das nicht, aber gut, ich will mich ja nicht mit Grundlagen langweilen, sondern die Kniffe der Profis wissen.

Technische Einstellungen

Nun geht es in die vollen: Wir machen die Kamera bereit, damit wir das nicht am Motiv hinfummeln müssen.
Immerhin sind alle vorbereitet, denn gemäß Kursvoraussetzung hat jeder ein Tele dabei, manche sogar ein 400er Zoom, mächtige Gerätschaft. Ich habe nur ein lichtschwaches 250er dabei, dafür mit Crop-Faktor 1,6. Entspricht also auch einem 400er mit Vollformatsensor. Damit sind wir bei

  • Regel 1
    Schraube ein Teleobjektiv an deine Kamera (oder benutze eine Reiszoomkamera). Am besten so lichtstark wie möglich und so schwer wie du zu schleppen bereit bist. Bei richtig schweren Brummern nimm noch ein Stativ, z. Bsp. ein Einbein, mit. Auch wenn's dadurch noch schwerer wird.
    Je kleiner der Sensor, desto leichter wird (durch den Crop-Faktor) dein Objektiv. Gleichzeitig wird auch die Bildqualität schlechter, die Bilder werden unschärfer. Deine Entscheidung.

Das Briefing geht weiter. Wir nehmen die restlichen Einstellungen vor:

  • Regel 2
    Versetze die Kamera in den manuellen Modus. Wir wollen die volle Kontrolle über die Einstellungen beim Fotografieren.
    Immerhin: Der Weißabgleich darf auf Automatik bleiben, der Autofokus am Objektiv wird auch aktiviert.
    Ich werde jedoch schummeln und die Kamera meistens im Programm Zeitautomatik betreiben. Das ist wie manuell, nur weniger krass.
  • Regel 3
    Öffne die Blende. Dadurch gelangt mehr Licht auf den Sensor und die Belichtungszeiten werden kürzer. Warum ist das nötig?
    Tiere (also Schnecken nicht, Faultiere und Muscheln auch nicht, aber...) bewegen sich oft schnell und abrupt. Wir müssen häufig die Kamera schwenken und nachführen. Bei kurzen Belichtungszeiten vermeiden wir Bewegungsunschärfe durch die Bewegungen der Tiere und durch Kamerabewegungen.
  • Regel 4
    Aktiviere den Stabilisator an Kamera oder Objektiv.
    Begründung? Siehe Regel 2. Nichts ist ärgerlicher als unscharfe Bilder. Außer, wir lichten Schnecken ab, oder Faultiere oder Muscheln.
  • Regel 5
    Schalte den Autofokus auf Folgemodus. Das bedeutet, die Kamera erkennt, wo du scharf gestellt hast und führt die Schärfe nach, wenn das Tier sich z. Bsp. auf dich zu bewegt. Die Kamera korrigiert dann den Fokus des Motivs und das Motiv ist immer scharf. Außer du verwackelst, das Tier bewegt sich zu schnell (passiert nicht bei Schnecken, Faultieren und Muscheln).
  • Regel 6
    Schalte den Autofokus auf Einzelsensor und wähle den mittleren.
    Dies hat zwei Gründe: Zum einen hast du, wenn du auf einen einzigen Sensor umstellst, die volle Kontrolle, wo deine Kamera fokussiert.
    Zum anderen ist der mittlere Sensor bei manchen Kameras hochwertiger als die übrigen Sensoren und in der Mitte ist die Abbildungsqualität des Objektivs am höchsten. Zum Bildrand hin werden die Objektivfehler größer und damit besteht die Gefahr einer falschen Fokussierung (z. Bsp. bei wenig Licht).
    Ich kenne mein Tele und weiß, dass ich auch in den Randbereichen eine zuverlässige Fokussierung habe. Ich schummle auch hier und benutze jeweils den Kreuzsensor, welcher gerade am bequemsten zur Bildgestaltung passt. Zudem ist die Entfernungsmessung bei mir immer auf Einzelsensor gestellt.
  • Regel 7
    Passe deine Empfindlichkeit, Blende und Belichtungszeit der aktuellen Lichtsituation an. Wir machen die Blende auf und wählen die Empfindlichkeit so, dass wir kurze Belichtungszeiten erhalten (ab 1/200 bzw. kürzer, je kürzer desto besser, gilt nicht für Schnecken uns.). Bei Sonnenlicht ist ISO100 ausreichend, bei weniger Licht muss man die Empfindlichkeit zu Lasten der Schärfe erhöhen.
  • Regel 8
    Stelle die Kamera auf Serienbildfunktion
    Im Moment des Abdrückens geht es häufig hektisch zu, daher zielen und den Auslöser festhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass in der Serie dann ein oder zwei Treffer enthalten sind, ist größer, als wenn man nur ein Bild macht, bei welchem dann oft etwas nicht stimmt (Bildausschnitt, Schärfe, …).

Technisch sind wir nun gerüstet, jetzt folgt noch ein etwas ausführlicheres Briefing zur Bildgestaltung, welches ich verkürzt wiedergebe.

Bildgestaltung

Bilder von Tieren sollen beeindrucken. Um die Fauna des Zoos angemessen abzulichten, sollen wir beachten: Das Tier muss plakativ abgebildet sein, das Bild soll Tiefe haben und Emotionen wecken und die Bildgestaltung soll der menschlichen Ästhetik genügen.

Anmerkung des Autors: Die Regeln der Bildgestaltung hängen natürlich zum Teil vom eigenen Stil und Geschmack ab und lassen sich oft nicht verallgemeinern. Dennoch gibt es ein paar Grundregeln, welche, wenn man sie nicht beachtet, das Bilderlebnis stark mindern können.

Nun weiter im Text.
Die Vorbereitungen erledigt, die Aufgabe gestellt und wir belagern das Pinguingehege mit den lustigen Brillenpinguinen und dem mürrischen Reiher. Wir sind gehalten, folgendes zu beachten:

  • 1. Blende offen lassen
    Die Blende an unseren Objektiven ist offen, wir korrigieren die Belichtung über die Verschlusszeit. Dadurch erzielen wir die folgenden Effekte:
    Durch die geringe Schärfentiefe bei offener Blende ist das Tier scharfgestellt, während der Hintergrund verschwimmt. Die Hauptmotiv hebt sich vom verschwommenen Hintergrund ab. Dadurch wird ein räumlicher Effekt erzielt, das Bild erhält Tiefe und das Tier wird plakativ hervorgehoben.
  • 2. Auf die Augen des Tieres fokussieren
    Egal, welche Bildteile scharf oder unscharf sind. Wichtig ist dabei immer, dass, wenn die Augen des Tieres zu sehen sind, diese scharf sind. Es gibt so gut wie keine guten Fotos, bei denen das Bild gelungen ist, wenn die Augen unscharf sind.
  • 3. Fülle das Format mit dem Tier
    Bei der Tierfotografie soll das Tier einen großen Teil der Bildfläche füllen. Dadurch liegt die Betonung auf dem Tier, es wirkt plakativer.
  • 4. Nicht von oben nach unten fotografieren
    Solche Bilder wirken weniger emotional als Bilder, die auf Augenhöhe mit dem Tier gemacht werden.
  • 5. Beachte Gestaltungsregeln
    Dein Bild wird interessanter, wenn du Gestaltungsregeln wie Symmetrie, die Drittelregel oder den goldenen Schnitt befolgst.

So gebrieft versuchen wir die Theorie anzuwenden. Zunächst am Pinguingehege, später gehen wir zu den Raubvögeln, den Großsäugern, den Eisbären, den Affen und ins Aquarium bzw. Reptilienhaus.

Fazit

Die 4 Stunden vergehen schnell, und mit dem gelernten Wissen gelingen einige Bilder. Es zeigt sich aber ebenfalls, auch vermeintlich phlegmatische Faune bewegt sich und erfordert immer wieder Anpassen der eigenen Position und des Bildausschnitts. Die Hauptzutat für gelungene Tierfotos ist nicht die Anwendung der obigen Kniffe alleine, zusätzlich sind eine gehörige Portion Geduld und Planung des Motivs vonnöten. Wie positioniere ich mich am besten? Von welcher Seite wirkt das Motiv spannend? Was wird das Tier als nächstes tun?
Bei Elefanten mag das noch angehen, bei Pinguinen oder manchen Affen erfordert das viel Geduld. Die Gewohnheiten der Tiere beobachten, einen geeigneten Standort suchen, warten sind wichtige Hauptzutaten für gelungene Bilder.

Manchmal hilft das alles nichts. Tierfotos bedürfen neben der Übung und auch ein wenig Glück. Wenn der Tiger im Zoo nicht lässig-dekorativ durch seinen Garten schlurfen will, hilft alles nichts. Und freie Wildbahn ist wie Zoo, nur krasser. Aber immerhin bist du handwerklich nun für spektakuläre Aufnahmen gerüstet und kannst losziehen.

Viel Spaß! Und vergiss nicht, die Übungsbilder anzuschauen... gleich hier:

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